Die Realität ist verzerrt, hör endlich auf zu denken!

Ich habe lange überlegt, ob ich es mit euch teilen soll. Ich bin, gemessen an dem was mir in den letzten 2 Jahren passiert ist, ein stabiler und wie ich finde, starker Mensch. Ich glaube mir ist das auch wichtig, dieses Bild von mir zu haben. Ich bin so erzogen worden („Stell dich nicht so an…“) und ich mag es so. Powerfrau sein. Vollzeitarbeitend. Geschieden. Kacke, aber ist nunmal so. Get over it. Mama eines kleinen Mädchens. Doch manche Dinge sind nicht einfach so an mir vorüber gegangen und ich habe immer noch mit depressiven Phasen zu kämpfen. In unserer Gesellschaft ist das ein Tabu Thema, obwohl es das nicht sein sollte. Ich weiß, depressive Leute können anstrengend sein. Aber ich glaube ebenso wichtig ist es, für euch gesunde und fröhliche Menschen, vielleicht mal zu verstehen, was in einem vorgeht, wenn man gerade depressiv ist und wie es sich anfühlt. Hier ein Versuch der Beschreibung meiner eher schlechten Tage, von denen ich zuversichtlich bin, dass sie bald wieder verschwunden sind:

Deine Realität ist verzerrt. Hör endlich auf. Glaub nichts von dem, was du fühlst. Nicht heute. Denn heute bist du selbst dein größter Feind und ein einziger Fehler.

Dein Kopf, deine Gedanken, sie sind dein eigener Untergang.

Auf Autopilot geschaltet, beobachtest du dich selbst. Unfähig etwas zu tun, unfähig etwas zu tun, oh wärst du doch nicht so verdammt schwach. Ich hasse dich. Versagerin.

Gestern noch so stark, so taff. So magst du dich. So siehst du dich. So willst du dich. Aber wer bist du schon? Ein schwacher, dummer Depp.

Und wen interessiert, was du fühlst?

Sicher nicht deinen größten Feind. Dich selbst!

Du wachst auf, weil der Wecker klingelt und er ist wieder da. Du hast schon gehofft, er ist weg, doch die Erfahrung lehrt dich inzwischen, es eigentlich besser zu wissen. Wie ein Kind freust du dich, über die sonnigen Phasen, mit derselben kindlichen Naivität glaubst du tatsächlich jedes Mal, jetzt geht’s bergauf?! Wie peinlich. Du lächerliche, dumme Loserin.

Mit Angst im Kopf versuchst du aufzustehen, doch du bist unfähig dich zu bewegen, die Beine sind schwer, du hast einfach keine Power, fühlst dich krank, dir ist übel. Als ob du seit mindestens einer Woche nicht mehr geschlafen hast. Dabei achtest du doch immer brav auf Sport, Schlaf und zumindest halbwegs gesunde Ernährung. So willst du die Kontrolle zurückbekommen, wieder gesund werden. Klappt super, du dämliche Kuh, oder?! Wie peinlich du bist.

Bleiernde Müdigkeit, Kopfschmerzen, absolute Unfähigkeit dich zu bewegen, Verzweiflung. Alles ist egal. Und wenn du nie wieder aufsteht, nie wieder duschst. Nie wieder zur Arbeit gehst. Es ist egal. Augen zu. Und schlafen, endlich Stille. Du willst diese Stimme in deinem Kopf nicht mehr hören, die dir selbst immer so verdammt weh tut. Einfach nur schlafen.

Doch jetzt hast du es geschafft, du machst dich fertig, gehst nach draußen in die kalte, weite Welt, willst dir selbst beweisen, dass es halb so schlimm ist. Aber du hast Angst, denn du wirst sicher scheitern.

Gestern noch, da war sie warm, die Welt. Die Sonne hat geschienen. Die Blumen waren bunt, die Menschen waren laut, aber ok. Du magst es doch so. Eigentlich.

Die Welt, sie sieht gleich aus, doch auf ihr ist heute alles anders, weil in dir heute alles so anders ist.

Denn heute tut dir alles weh. Die Seele, der Kopf, das Herz.

Die Menschen, sie starren dich an. Es kann keine Einbildung sein. Sie wissen es. Wer du bist. Ein Niemand. Was du bist. Ein Loser. Nicht liebenswert, an dir ist nichts liebenswert. Versagerin.

Auf der Arbeit, da musst du stark sein. Reiß dich zusammen, du verdammter schwacher Mensch, wie kannst du nur? Ich hasse dich, wie sehr ich dich hasse. Warum kannst du nicht einfach normal sein? Du bist verrückt, krank, bescheuert. Eine Schande.

Kein nettes Wort, nichts Nettes hast du für dich übrig. Du wünschtest du könntest dich wieder mögen, vielleicht sogar lieben. Wie sich das wohl anfühlt? Tja. Dich kann man nicht lieben. Niemand tut das. Wieso auch?

Du fühlst dich nicht wohl, du willst dich verstecken. Jeder Blick, jedes Wort, du verstehst alles als Angriff, versuchst zu lächeln, zu schauspielern, redest extra lauter, als du es möchtest, all die Tricks um autark zu wirken. Du kennst sie alle. Kein Platz für Schwäche.

Damit die Stimme nicht zittert, brüllst du fast.

Damit du keine Tränen in die Augen bekommst, einfach so, zwingst du dich zu lächeln, einfach so.

Anstrengend, alles so anstrengend.
Oh hoffentlich merkt niemand,wie traurig, wie verzweifelt du bist. Wie klein. Wie verletzt. Wie unbedeutend.

Die Realität ist verzerrt, hör endlich auf, du weißt es doch. Nichts davon ist real, niemand hat was gegen dich. Reiß dich zusammen. Morgen wirds besser.

Nichts ist real, glaub dir selber nicht, du bist es die spinnt, halte dich bedeckt und glaube dir kein Wort, höre dir nicht zu und arbeite. Lenke dich ab und arbeite. Es ist alles gut. Alles ist gut. Es kommen wieder bessere Tage, ganz sicher.

Denn die Realität ist verzerrt und du bist das Problem.

Ganz sicher? Vielleicht weißt du nur selbst am Besten, dass du nichts weiter bist, als wertlos und schwach. Und alle anderen wissen es längst auch. Du wirst nie etwas anderes fühlen, als das. Denn das ist die Wahrheit, das bist du.

Oh bitte, hör doch endlich auf. Reiß dich zusammen und lenk dich ab. Ich hasse dich. Du verdammte Versagerin.

Ich will nicht mehr. Wieso konnte das mit mir passieren?

Wenn ich doch nur wüsste, was ich tun soll, damit es endlich wieder gut wird.

Distanz.

Distanziere dich. Von allem. Von jedem. Und alles wird gut. Sie werden sowieso alle verschwinden, weil du gestört bist. Alle außer deine Tochter. Die musst du lieben, das klappt, das kriegst du hin, darin bist du irgendwie gut.

Und da ist sie. Die Emotionslosigkeit fast jedem gegenüber. Resignation. Alles andere tut zu weh.

Es kommen wieder bessere Tage. Tage an denen ich meine Gedanken steuere und nicht sie mich. Tage an denen meine Gedanken mich nicht an einen Ort bringen, an dem niemand sein will. Ich werde mich wieder kontrollieren. Alles wird gut. Ich weiß es. Ich werde wieder stark sein. So ist es immer.

Denn meine Realität ist verzerrt, nichts davon ist wahr.

So glaube ich zumindest.

Wenn ich doch nur wüsste, was schlimmer ist. Dass es wahr ist und ich mir selbst nicht trauen darf, oder dass ich recht habe und mich wirklich niemand mag? Wieso kann es nicht endlich wieder ruhig werden in meinem Kopf?

Es kommen wieder bessere Tage, ich weiß es.

Autor: thejupiable

Verliebt, verlobt, gescheitert... Und außerdem 33 Jahre alt, vollzeitarbeitend und in einer neuen Beziehung. Mit vierjährigem Kind im Wechselmodell lebend.

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