Guten Morgen, facebook. Oder besser gesagt: Heute Lust dein Leben zu verändern? Denn zufällig haben alle gerade noch einen Platz frei und warten nur auf Dich!

Cool so gebraucht und geliebt zu werden, oder? Kennt ihr das auch?

Und dank der Smartphonesucht und einem ausgeprägten Selbstdarstellungsproblem, gepaart mit kindlicher Neugierde, ertappe zumindest ich mich dabei, morgens zum Wachwerden als allererstes nicht unbedingt das Bad aufzusuchen, sondern ich greife erstmal zum Handy, wie der Deutsche es liebevoll nennt. Denn das Smartphone ist tatsächlich immer „handy“ (übersetzt heißt das ungefähr „griffbereit“), wo wir alle doch ein ausgeprägt wichtiges virtuelles Leben führen und auf keinem Fall viel verpassen wollen. In meinem Fall greife ich also morgens rechts neben mich und es liegt bereits erwartungsvoll blinkend (ich drehe es nachts immer um) dort und wartet nur auf mich.

Ich öffne Facebook. Ein paar Menschen haben sich beleidigt, dann wieder versöhnt, einer feiert sich selbst und ein paar Andere haben Weltschmerz, während der nächste die Welt zu retten versucht. Mamis schimpfen ihre Ernährung als die einzig Richtige und eine beschimpft die Andere, das ihr Baby autistisch werden wird, weil es geimpft wurde. So weit alles im grünen Bereich, ein normaler Facebook-Morgen.

Ein paar Freundschaftsanfragen zuviel, vermutlich, weil man mal eine zu unachtsam angenommen hat, ja ich oute mich:

Irgendwann ist mir wohl mal einer durchgerutscht. Sah vielleicht nett aus, klang spannend und ich dachte mir „Na komm…passt.“ Inzwischen hab ich es aber wieder im Griff, viele bereits wieder aussortiert und jetzt schau ich mir jeden ganz genau an. Will ich mich mit dem oder der vernetzen? Bietet er oder sie mir etwas, das mir bei meinen eigenen Plänen nutzen könnte? Wenn ja, dann okay. Wenn nein, dann nein danke.

Steht auf dem Profil „ich bin Motivationstrainer, Coach, Mentor“, die Leute fliegen schneller, als man gucken kann. Warum?

Diese Menschen sind wie jener, der mir einst mal durchgerutscht ist und für diese Freundschaftsanfragenflut verantwortlich war. Ich bilde mir nicht ein, besonders spannend zu sein und kam daher schnell dahinter, dass da eigene Ziele verfolgt werden, die wenig mit mir als Person zu tun haben. Dieser Mensch war gut mit anderen Menschen vernetzt, die nur genau DARAUF warten, auf einen Fehltritt einer Person, ein zu schneller Klick und dann geht’s los mit den zahlreichen Anfragen. Es ist wie die Pest. Und sie lauern überall: die…Trommelwirbel…

 

!!!!!NETWORKER!!!!!

 

Böses, ganz böses Unwort, das mich nervös auf den Fingernägeln kauen lässt. Warum bin ich so traumatisiert?

Ganz einfach: weil es mir reicht! Das Maß ist voll. Denn ich bin nicht fett, habe keine Pickel und auch keine Problemzonen, jedenfalls keine, die ich mit wildfremden Menschen im virtuellen Facebook teilen will und auch sonst hab ich kein Bock mehr.

Und sorry, es ist erschreckend, wie viele Leute sich hier einbilden, die Welt verändern zu können. Es tut mir leid Leute, aber es NERVT. Ihr seid gerade mal paar Jahre volljährig und wollt Motivationscoach für Andere sein? Oder selbst in der midlifecrisis? Super Ausgangspunkt, macht euch wahnsinnig kompetent.

Wohnt noch bei Mami unterm Dach und wollt Leuten erzählen, wie man Fitness im Alltag unterbringt, während eure Mami noch eure Wäsche wäscht und eure Brote in Plastikboxen packt, die die EU verbieten würde, wäre sie nicht so verdammt mit dem super sinnvollen Verbieten von Strohhalmen beschäftigt.

Ihr Frauen seid im besten Alter, Anfang/Mitte 20, keine Falten, schön schlank und wollt erwachsenen und gestandenen Frauen beibringen, wie sie ihre „Weiblichkeit“ entfesseln, wo ihr selbst noch halbe Kinder seid? Wow. Wir können uns vor Faszination kaum noch auf dem Stuhl halten. Echt jetzt. Was habt ihr im Leben schon erlebt? Es nervt. Punkt. Aus. Ende. Ich hab kein Bock mehr.

Denn jeder gottverdammte Morgen, an dem ich mein Facebook öffne, um in Ruhe wachzuwerden, beginnt inzwischen in etwa so:

Ich öffne eine Privatnachricht, noch nicht mal 8 Uhr, noch keinen Kaffee intus und lese:
„Hi du, schön von dir zu hören, wie geht’s dir? Wir kennen uns zwar noch nicht persönlich, aber ich fand dein Profil so sympathisch. Daher wollte ich dich mal fragen, ob du dir vorstellen könntest, etwas an deinem Lebensstil zu ändern? Ich bin immer auf der Suche nach motivierten Frauen, die abnehmen, einen besser definierten Body bekommen, oder schönere Haut haben wollen. Zu diesem Zweck habe ich noch einige exklusive Probeplätze zu vergeben und dabei an dich gedacht. Wäre das von Interesse für dich?“

Es geht um bunte Pflanzenpillen, Fitness, um was auch immer. Und was ist meine Reaktion?

BÄM. Volle Breitseite. Es ist nicht mal 8 Uhr morgens und ich will mich schon in die Ecke stellen und weinen, dabei Chips und Schokolade in mich reinstopfen, mich selbst verfluchen und gleichzeitig aufgeben. Denn übersetzt heißt das wohl für fast jede Frau auf der Welt Folgendes: „Hallo unbekannte Hässlichkeit. Ich mache Menschen dünner, hübscher und pickelfreier und es scheint, als ob du all das dringend nötig hast. Du siehst so scheiße aus, dass ich dich daher anschreibe, aus purem Mitleid, auch wenn ich dich nicht kenne. Also ergreife die Chance und ändere etwas an deinem positiv hässlichen Dasein.“

Dummheit und Dreistheit macht mich grundsätzlich wütend und diese Wut droht mich jetzt, schätzungsweise 8:10 Uhr, zu überrennen. Aber ich reiße mich brav zusammen, um nichts Freches zu antworten, denn ich bin ein scheiß entspanntes Gänseblümchen auf einer super grünen Wiese und die Tatsache, dass dieser „Verkaufsversuch“ (denn letzten Endes ist es ja nichts Anderes) nicht nur der dümmste, sondern auch noch der schlechteste Versuch ist, den ich je erlebt habe, sollte an mir abperlen, wie das Wasser am Gefieder einer scheiß entspannten Ente. Es ist ja nichts Neues mehr, immer schön locker bleiben.

Also gut, ich atme tief ein und aus und tue…nichts.

Und wie dankt ihr es einem? Paar Tage, oder Wochen später:

„Hi du, ich wollte nur mal nachhören, ob meine Nachricht vielleicht im Alltagsstress bei dir untergegangen ist?“

Im bitte WAS?! Was will so ein kleiner Depp wie du denn schon von Alltagsstress wissen? Noch keine Kinder, erst seit gestern Haare am Sack und dann von Alltagsstress reden? Als Mami noch meine Socken gewaschen hat, hatte ich auch mehr Zeit für ein ausgeklügeltes Fitnessprogramm. Jetzt bedeutet Fitness für mich die Socken meines eigenen Kindes zu waschen und die des Riesenbabys, das sich mein Lebenspartner nennt. Fitness ist für mich heute, meiner Tochter durch die Wohnung hinterher zu jagen, während sie gerade dabei ist, meine Unterwäsche in den Vorgarten auf einen Haufen zu werfen, der seitlich an den Garten grenzt, in welchem der Nachbar gerade Unkraut rupft und verwirrt guckt, weil ich ihr vorher gedankenlos gesagt habe „Ich muss mal meine Wäsche ausmisten!“

Eine Woche zuvor habe ich ihr erklärt, was Stallmist ist, weil auf dem Samen der Möhrenpackung für unser Gemüsebeet stand „Nicht mit Stallmist düngen.“

Mama hat den Fehler gemacht zu sagen: „Man sammelt alte Abfälle, die niemand mehr braucht auf einem großen Haufen IM GARTEN.“

Sie hat also verdammt nochmal nur das Richtige tun wollen.

Jetzt mal ernsthaft. Wer hat euch beigebracht, wie man Menschen dazu bringt, eure Produkte zu kaufen? Euer schlimmster Feind? Es ist wirklich extrem nervig, wenig zielführend, wenn jeder von euch selbst ernannten Deppen hier die Menschheit belästigt. Denn die, die wirklich was drauf haben, die gehen in der Masse von euch unter. Also macht den Weg frei und tut was Sinnvolles mit eurer (Lebens-)Zeit. Arbeiten vielleicht, also so richtig. 😉

So, das war der Tag der Abrechnung. 😉

 

 

 

 

 

Autor: thejupiable

Verliebt, verlobt, gescheitert... Und außerdem 33 Jahre alt, vollzeitarbeitend und in einer neuen Beziehung. Mit vierjährigem Kind im Wechselmodell lebend.

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