Das besondere Fenster (der Erkenntnis)

Kennt ihr das? Der Alltag hat euch eingeholt, es ist generell eine stressige Zeit und on top kommt noch die Tatsache, dass ihr wegen ein paar Dingen, die in den letzten zwei Jahren passiert sind, mit euch selbst noch nicht so im Reinen seid? Bei mir ist bzw. war das so. Ich bin zeitweise schon sowas von genervt von mir selbst, weil ich mich frage, wie lange man mit etwas bitte nicht klarkommen kann. Meine Scheidung findet kommenden Dienstag statt, räumlich getrennt bin ich seit etwas über zwei Jahren, innerhalb der Wohnung getrennt fast nochmal ein halbes Jahr länger. Und dennoch plagen mich die Schuldgefühle gegenüber der Tochter, dass es nicht geklappt hat mit Mama und Papa unter einem Dach. Immernoch. Und ich empfinde inzwischen vor mir selbst schon soviel Genervtheit deswegen, dass ich mich schon länger nicht mehr traue, mit jemandem darüber zu reden. Am vergangenen Donnerstag kam noch ein weiteres Gefühl hinzu, das ich vielleicht bisher versucht habe zu verdrängen. Ich habe mich auf eine Reise nach Porto mit meinem Lebensgefährten vorbereitet und gepackt. Ein verlängertes Wochenende bis einschließlich morgen. Mein Lebensgefährte war noch aus, der Tag auf der Arbeit war sehr anstrengend und ich hab mich irgendwie ziemlich alleine gefühlt. Ich hab sämtliche Wäsche gefaltet, die mal wieder in den Körber auf meinen Auftritt gewartet hat (ich hoffe das geht nicht nur mir so) und dabei das passende Zeug für Porto rausgesucht. Ich faltete ein Paar kleine Handschuhe von meiner Tochter. Und da überkam es mich. Ich hab geheult und geheult, die Handschuhe an mich gedrückt und sie, die Tochter, so sehr vermisst. Und mir ist mit einem Mal mit aller Deutlichkeit klargeworden, dass sich das nicht mehr ändern wird. Wie vielleicht einige bereits mitbekommen haben, lebt meine Tochter im sogenannten Wechselmodell. Sie wächst also im Haushalt des Vaters und der Mutter zu gleichen Teilen auf. Sie hat dort jeweils ein Kinderzimmer, ihr Spielzeug und ihre Rituale. Sie vermisst den fehlenden Elternteil zeitweise und sagt das auch offen, wenn sie getröstet werden will. Aber insgesamt ist sie eine recht glückliche Vierjährige. Nun war sie bei Papa. Und mit der Zeit haben sowohl Papa, als auch ich, gelernt, uns in der Zeit der Abwesenheit der Tochter abzulenken. Wir haben beide neue Lebenspartner. Also wird vielleicht ab und zu verreist, einfach relaxed, oder auch mal vieles erledigt. Doch so recht verstanden wie sehr mir das dann doch was ausmacht, dass ich meine einzige Tochter (und das wird sie auch bleiben, das weiß ich leider auch) nur die Hälfte der Zeit sehe, das habe ich erst letzten Donnerstag begriffen. Mich hats zerrissen, ich hab die ganze Wohnung unter Wasser gesetzt und die Tatsache, dass es aus diesem Alptraum kein Ende geben wird, dass ich sie also IMMER NUR 50 Prozent sehen werde und irgendwann kaum noch, wenn sie erwachsen ist, die hat mich fast hysterisch werden lassen. Mir gings also nicht gut. Der Freund hats abbekommen, als er nach Hause kam und wir haben gepackt und sind am nächsten Tag irgendwann los. Ich bin gesundheitlich leider nicht ganz fit und Stress führt dazu, dass sich die Beschwerden dann verschlimmern. Also hatte ich die ersten Tage Magenschmerzen und andere Reisebegleiter und musste die Pharmaindustrie reichlich bereichern. Und dann eines Abends kamen wir nach Hause, nachdem wir die Sehenswürdigkeiten der Stadt abgeklappert hatten, und ich sah es: dieses Fenster, das ich unten abgebildet hab. Das Apartement ist ein ganz Einfaches. So mögen wirs. Kein Schnickschnack. Kein Waschbecken für 10.000 Euro und dieses eine ganz besondere Geschirr von schieß mich tot für 2000 Euro und auch wie toll ist das denn, dass wir uns sowas gönnen? Sondern einfach nur einfach. Um runterzukommen. Porto ist ehemals eine Fischerstadt gewesen. Viele alte Steinbauten direkt am Fluss. So richtig beliebt geworden und zur regelrechten „in-Stadt“ wurde sie erst in den letzten Jahren. Verständlich, denn es steht ein tolles altes Haus neben dem anderen, die Stadt liegt am Fluss, traumhaftes Wetter und der Ozean auch nur eine 20 minütige Busfahrt entfernt. Wir haben ein Apartment mit Elektroheizungen und die Steinbauten wurden nur so viel wie nötig ausgebessert, dass es halbwegs dicht ist und nicht reinregnet. Sonst hat man dem alten Flair nichts genommen. Die alten Holzläden haben wir im Schlafzimmer offen gelassen, bevor wir losgezogen sind. Als wir zurückgekommen sind, hat plötzlich dieses schöne warme Licht der Leuchte aus der Gasse vorm Fenster in unser Zimmer geschienen und den ganzen Raum in ein total tolles, warmes Licht getaucht. Ich hab mich ins Bett gelümmelt, Tee getrunken und nach draußen geschaut. Ein wenig gedöst und wurde zum ersten Mal in den letzten Tagen wieder ruhig und zufrieden. Ich hab verstanden, dass alles so gekommen ist, wie es eben gekommen ist. Ich bin kein Freund von Schicksal und glaube auch nicht an Gott. Aber die Sache ist durch. Es ist über zwei Jahre her und eben passiert. Und ich werde als Mutter mein Kind immer vermissen und vermutlich auch immer traurig sein, sie „teilen“ zu müssen. Aber ich bin auch dankbar dafür, dass sie bei beiden groß werden darf, dass sie zu Papa und zu Mama gehen darf und, so wurde mir gesagt, dass es ein gutes Zeichen ist, dass sie sich traut uns zu sagen, wenn sie den jeweils anderen vermisst. Wir reden nie schlecht übereinander vor ihr und sie bekommt von unseren zeitweise stattfindenden Streitigkeiten über Geld, oder Erziehungsmethoden nichts mit. Wir treffen uns dann immer alleine zum Frühstück um einen Konsens zu finden, wenns anstrengend wird, fernab von der Tochter. Sie erzählt mir begeistert, wenn sie mit Papa jemanden besucht hat, oder zum klettern gegangen ist und ich freue mich mit ihr. Ich bastle auch mit ihr ein Geschenk für die neue Frau an Papas Seite und die neue Frau tut das ebenso. Insofern…es ist wie es ist und wir machen alle das Beste daraus. Ich kann entweder immer weinen, wenn meine Tochter weg ist, oder öfter solche Reisen zu besonderen Fenstern der Erkenntnis machen, in dieser Zeit. Ich glaube ich hab mich für Letzteres entschieden. 🙂 Tschüss Porto. 🙂

Autor: thejupiable

Verliebt, verlobt, gescheitert... Und außerdem 33 Jahre alt, vollzeitarbeitend und in einer neuen Beziehung. Mit vierjährigem Kind im Wechselmodell lebend.

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