The good enough mother

Ich möchte euch das wunderbare Märchen über die entspannte, glückliche „good enough mother“ erzählen. Als ich mich frisch getrennt hatte, war das eine harte Zeit. Ich hab wieder gearbeitet, meine Tochter plötzlich zur Hälfte verloren und war total ins Strudeln gekommen. Ich hatte meine Familie verloren und durfte nichtmal groß was sagen, denn ich war ja schließlich die gewesen, die am Ende aktiv, nach vielen Diskussionen und Versuchen, das Handtuch geschmissen hatte. Ich stürzte mich in eine neue Beziehung und es endete nicht gut. Ich beschloss in eine Therapie zu gehen und das war der erste gute Entschluss damals. In den Gesprächen kam meine Überforderung zu Tage. Das Gefühl alles perfekt machen zu müssen, weil ich a) mein Kind sowieso nur die Hälfte der Zeit bei mir hatte und b) weil es einfach der Job einer Mutter war, eine verdammt gute Mutter zu sein. Ich beschäftige mich viel mit der Frage, was denn eine verdammt gute Mutter ausmacht und stellte fest, dass ich mein eigenes Bild der Übermutter nicht erfüllen konnte. Zum einen weil es unrealistisch war,zum Anderen weil das nicht „ich“ war. Besonders mit Ersterem, aber eigentlich mit beidem, kämpfe ich bis heute. Niemand kann immer geduldig, immer gut gelaunt, immer verständnisvoll mit seinem Kind umgehen. Niemand schafft es immer alles perfekt zu machen. Gutes, vitaminreiches Essen für alle, genug Schlaf für das Kind, selbst noch gut dabei aussehen und sich auch noch gut dabei fühlen. Am besten erfolgreich im Job und erfolgreich als Mutter sein. Doch die Realität sieht meistens anders aus. Es gibt Infektzeiten bei Kleinkindern, die lassen einen die Kind krank Tage schneller aufbrauchen, als man gucken kann und einen quasi an allen wichtigen Terminen auf der Arbeit fehlen, ohne dass man groß die Wahl hat, während man zu Hause mit dem kranken Kind sitzt und sich als Rabenmutter fühlt, weil man an die sich stapelnde Arbeit denkt, statt pausenlos an sein krankes Kind. Ich habe in dieser Zeit viel über mich selbst gelernt. Die Idealmama, die ich mir vorstelle, oder die ich mir vorgestellt habe und langsam loslasse, die werde ich nie sein. Diese Mama geht darin auf, „nur“ (und das ist NICHT abwertend gemeint) Mama zu sein. Sie braucht und will nichts anderes. Sie lässt ihr Kind nicht den ganzen Tag im Kindergarten. Fakt ist aber ich liebe meine Arbeit. Fakt ist ich bin eine bessere Mama, wenn ich mein Kind jeden Abend um 17 Uhr aus dem Kindergarten abhole, als wenn wir den ganzen Tag zusammen sind. Denn ich liebe es, zu arbeiten, zu organisieren, mich zu verwirklichen. Das Jahr in Elternzeit hat mich ganz verrückt gemacht. Ich habe mich lange sehr schuldig deshalb gefühlt. Und dann habe ich die good enough mother (die Frau, die als Mutter gut genug ist) kennengelernt. Mir wurde damals ans Herz gelegt, dass es nicht so wichtig ist, dass das Kind immer Salatgurke, Naturjoghurt und Salzbretzel zum Abendessen isst. Dass es auch mal ok ist, wenn es ein paar Pommes mit Ketchup von unterwegs bekommt und ich dafür tiefenentspannt mit ihm zusammen sitze, während es sie isst. Es ist ok, dass das Kind mal mit ungekämmten Haaren zum Kindergarten geht, weil man lieber morgens noch zehn Minuten gekuschelt hat. Es ist sogar falsch, ihm stattdessen lieber zwei Zöpfe zu flechten, Spangen in die Haare zu machen und es dafür dann die letzten Minuten pausenlos anzuschreien, dass man spät dran ist und es sich jetzt endlich beeilen muss. Es ist ok, dass man es mal nicht geschafft hat zu putzen, wenn man dafür 10 Bücher am Wochenende zusammen gelesen hat und ne Stunde länger auf dem Spielplatz war. Es ist auch mal ok, dass man das Kind ne Stunde fernsehen lässt, weil man sich selbst kurz hinlegen muss. Ja. Man parkt das Kind vorm Fernseher, weil man kein Bock hat, sich mit ihm zu beschäftigen. Es ist ok, wenn das MAL passiert. Und es ist ok, wenn man gerne arbeiten geht und nur zu Hause mit seinem Kind fast durchdreht. Man liebt seine Kinder deshalb nicht weniger. Man braucht nur selbst noch etwas anderes, um glücklich zu sein. Man ist nicht weniger selbstlos am Ende, weniger liebenswert, man ist nur anders, als andere. Ich weiß nicht, wie es anderen Müttern geht, wenn sie das hier lesen. Vielleicht denken sie sich, dass die Alte spinnt und das ja wohl selbstverständlich ist. Aber ich selbst brauchte eine ganze Weile, bis ich diese Macken an mir akzeptieren konnte und es gibt Momente, in denen ich mich selbst und mein Kind immernoch stresse, weil ich perfekt sein will. Und ich glaube das geht nicht nur mir so. Wir haben eine Vielzahl von Übermüttern auf der Welt, die uns vordiktieren, ob in Gruppen, Zeitschriften, im Fernsehen, oder auch in der eigenen Familie, wie eine gute Mutter zu sein hat. Ob das Konzept zu uns als Mensch passt, fragen wir uns dann nicht mehr. Wir leben in einer Welt, in der wir dank modernster Medizin, dank Leistungsgesellschaft, dank Ellbogenmentalität, schon sehr früh sehr unter Druck stehen. Sowohl was unsere Qualifikation als Mama angeht, als auch was die Fähigkeiten unserer Kinder angeht. Neulich in der Bahn gab ich meinem Kind den dritten Traubenzucker, damit es auf dem Weg nach Hause nicht einpennt und hinter mir stieg eine Mutter mit einem ähnlich alten Jungen zu. Meine Tochter drehte sich um, strahlte ihren Traubenzucker lutschend, den Jungen an und die Mutter sagte „oh, du wirst heute Nacht nicht schlafen. Das ist ja eine Energiebombe.“ Kleintöchterlein meinte klarstellen zu müssen, dass bereits der dritte Traubenzucker ist. „Aha, schaffst du es denn dann noch etwas Gesundes zum Abendbrot zu essen?“ Während ich früher wütend geworden wäre, die Frau als Helikoptermutter beschimpft hätte und mich insgeheim für mein schlechtes Mutterdasein geschämt hätte, hab ich mich lächelnd umgedreht und gesagt:“ klar schafft sie es noch was zu essen später, heute gibts schließlich Pommes.“ 😂 Das Gesicht der Mutter war eigentlich ein Foto wert. Noch besser wurde es, als ihr Sohn plötzlich davon anfing, dass er einmal soviel Pommes und Gummibärchen gegessen hatte, dass er spucken musste und ob sie sich noch erinnere. Sie wurde laut, hat das entschieden verneint und sich schrecklich gerechtfertigt. Und daher denke ich: nein, ich bin nicht allein mit meinem Perfektionismus. Aber er solltr aussterben. Mütter dieser Welt, erhebt euch und entspannt euch. Lasst uns good enough Mütter sein. 😎 In diesem Sinne: gute Nacht.

Autor: thejupiable

Verliebt, verlobt, gescheitert... Und außerdem 33 Jahre alt, vollzeitarbeitend und in einer neuen Beziehung. Mit vierjährigem Kind im Wechselmodell lebend.

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